Mehr als 5000 Sprachen verschwinden

 

   
Pessimistische Schätzungen gehen davon aus, dass im Laufe des 21. Jahrhunderts neunzig Prozent der zirka 6500 Sprachen aussterben werden, falls staatliche Rettungsmaßnahmen dieser Entwicklung nicht entgegenwirken.
Im Washingtoner Fachmagazin Nature (Band 424) haben die Mathematiker Steven Strogatz und Daniel Abrams von der Cornell-Universität in Ithaca im Staat New York anhand 42 verschiedener regionaler Modelle in Europa und Südamerika den Niedergang von Sprachen berechnet. Im Vergleich zu Theorien, die Veränderungen von Grammatik, Syntax und anderen Eigenschaften einer Sprache modellieren, ist der Ansatz von Strogatz und Abrams einfacher strukturiert, da er gegenseitige Beeinflussung der Sprachen ausblendet und lediglich den Wettstreit zweier konkurrierender Sprachen beschreibt, die unweigerlich zur Verdrängung von einer der beiden Sprachen führen wird.
Ein Beispiel der Indianer im peruanischen Anden-Hochland von Huanuco führt vor, wie innerhalb kürzester Frist ihre Sprache, das Ketschua, untergeht. Obwohl diese noch mehrheitlich verbreitet ist, hat das geringe soziale Ansehen in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass die jüngere Generation mittlerweile nur noch das sozial höher gewertete Spanisch spricht.
 
Junge Freiheit Nr.36/03 
 

 

 


Der Hutzenauer

 

   
Eingebunden in einen harmonischen Abend brachte Gustl Lex von Grabenstätt ein Erinnerungsbild an den unvergessenen Bauern und Politiker Georg Eisenberger, genannt der „Hutzenauer“. Rudi Mörtl, der Vorsitzende des veranstaltenden Vereins Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau e.V. (BS), informierte über die Vereinsziele, die „Hirschgraben-Musi“ bot mit ihrer Stubnmusi einen stimmungsvollen Rahmen.
Im vollbesetzten Saal des Schnitzlbaumer in Traunstein lauschten die Zuhörer genau auf die Ansprache von BS-Vorsitzendem Rudi Mörtl, der sich ganz besonders auch über die Anwesenheit von Ruhpoldings Bürgermeister Hallweger und Altlandrat Leonhard Schmucker freute. Was speziell ihn betrifft, so Mörtl, habe dieser eine besondere Beziehung zum „Hutzenauer“. Leonhard Schmucker war nicht nur Landrat des Landkreises Traunstein, sondern auch lange Jahre Vorsitzender des Forstrechteverbandes und steht dadurch in einer besonders engen Beziehung zu Georg Eisenberger. Dieser hatte im Bauernbund und als Land- und Reichstagsabgeordneter die Interessen der Bauern vertreten. Auf Schmuckers Betreiben ist seinerzeit der Verband der Forstberechtigten gegründet worden, der sich zu einem wirksamen Instrument zur Durchsetzung der Interessen der Bauern entwickelte; Leonhard Schmucker hat damit das Werk von Georg Eisenberger fortgesetzt. „Was aber hat nun der „Hutzenauer“ Georg Eisenberger mit der Bairischen Sprache zu tun?“ stellte Rudi Mörtl die Frage nach der Verbindung zwischen dem Veranstalter und der Persönlichkeit Eisenbergers. Dem Verein geht es mit dem Erhalt der gewachsenen Heimatsprache letztendlich auch um die gesamte Bairische Kultur, denn die Sprache kann nicht für sich allein stehen. Da gehört halt auch dazu, besondere Persönlichkeiten im Gedächtnis der Bevölkerung zu behalten, andererseits kann Georg Eisenberger für unsere heutigen Politiker im Gebrauch der Heimatsprache ein Vorbild sein. Dazu zitierte Rudi Mörtl aus einem der Bücher über den „Hutzenauer“: „Leider gibt es das heute nicht mehr, selbst im Bayrischen Landtag wird Schriftdeutsch geredet. Der letzte, der im Parlament das Bairische hochgehalten hat, war der Hias Kreuzeder aus Freilassing, der als Abgeordneter der Grünen in den 80er-Jahren einmal im Bundestag war. Seitdem ist bairisch in den Parlamenten ausgestorben.“ Das ist nicht nur in den Parlamenten, sondern auch zum Beispiel in der bayerischen Hauptstadt München so, anderswo ist Bairisch stark auf dem Rückzug, man brauche sich bloß einmal umzuhören, bedauerte der Redner.
Weil es eben schade ist um unsere Heimatsprache, wenn sie allmählich verschwindet, habe man vor zwei Jahren den Verein Bairische Sprache und Mundarten gegründet. Man hofft damit, im Sinne der Heimatsprache ein ähnlich starkes Instrument zu bekommen wie die Bauern mit ihrem Forstrechteverband. Neben vielen Mitbürgern, Privatpersonen und einigen Vereinen sind auch die Gemeinden Palling, Surberg und Grassau als juristische Personen bereits dem BS beigetreten, derzeit bewege man sich auf die Marke von 300 Mitgliedern zu.
Gustl Lex, der sich schon in mehreren Vorträgen über besonders herausragende Personen oder geschichtliche Ereignisse und Abläufe als profunder Kenner der heimatlichen Materie erwiesen hat, verstand es, auf sehr unterhaltsame Art seine Zuhörer mitzunehmen auf Georg Eisenbergers Lebensweg. Man konnte fast meinen, die Hauptperson spreche selbst zu den aufmerksamen Zuhörern.
„Eisenberger und Ruhpolding gehören zusammen...“ so äußerte sich am 23. März 1919 der Bezirksamtsvorstand von Traunstein in einer Rede zur Würdigung dieses aussergewöhnlichen Bürgers. Der spätere Ehrenbürger von Ruhpolding, Georg Eisenberger, kam am 28. März 1863 auf dem Hutzenauer-Anwesen bei Ruhpolding zur Welt, besuchte von 1869 bis 1876 die Volksschule und weitere drei Jahre die Sonn- und Feiertagsschule 1892 übernahm er das elterliche Hutzenauer-Anwesen und heiratete Maria Dagn, Bindermeistertochter von Ruhpolding, die ihm vier Kinder gebar.
Eigentlich sollte der brave Ministrant und Bauernbub auf Pfarrer studieren, erzählte Gustl Lex vom Hutzenauer und erklärte auch recht plastisch, wie es dazu kam, dass daraus doch nichts geworden ist. Bis zu seinem 30. Lebensjahr trat Georg Eisenberger in der Öffentlichkeit jedenfalls nicht hervor. Als um 1890 herum die Bauernbewegung zuerst in Niederbayern begann, für die Forstrechte der Bauern zu kämpfen, trat Eisenberger 1892 in Traunstein erstmals als Redner auf und setzte sich mit großem Engagement und bauerneigener Zähigkeit für die Waldbauernbund-Bewegung ein. Weil hier die Forstrechtsfragen besonders aktuell geworden waren, fand diese gerade hier im Bezirksamt Traunstein eifrige Anhänger. Als dann 1893 der Waldbauernbund aus einer wirtschaftlichen Organisation in eine politische – den oberbayerischen Bauernbund – übergeleitet wurde, trat Georg Eisenberger mit Leib und Seele für die neue Partei ein und stand mit einem gewissen Dr. Kleitner und Matthias Huber an der Spitze dieser Organisation. Fortan wurde der Kampf um die Rechte der Waldbauern zum Lebensinhalt des „Hutzenauer“.
Nach seiner Berufung 1893 in den Gemeindeausschuss und 1899 als Beigeordneter wurde er 1905 sogar Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Ruhpolding und blieb es bis 1919. Weitere Funktionen folgten und so wurde aus dem Bauern Hutzenauer ein wortgewandter und schlagkräftiger Politiker, dessen Bedeutung weit über die Gemeindegrenzen hinaus reichte. Im Jahre 1905 wurde er im Wahlkreis Griesbach in Niederbayern zum Landtagsabgeordneten gewählt und gehörte diesem Gremium bis 1920 an. Als Bundesbevollmächtigter des Bayerischen Bauernbundes in Altbayern war er von 1919 bis 1932 Mitglied des Reichstags.
In über 4000 Versammlungen seines bewegten Politikerlebens brachte sich Georg Eisenberger mit Bauernschläue, Diplomatie und Bodenständigkeit für die Belange der Bauern und seiner Heimat ein. Er war sogar in Österreich als Redner bekannt und begehrt. Doch wer die Wahrheit sagt, eckt auch manchmal an, das musste auch Georg Eisenberger am eigenen Leib erfahren; sogar bei den Pfarrern war er mit der Zeit ein „Rotes Tuch“, obwohl er jeden Sonntag die heilige Messe besuchte. Doch auch von der Geistlichkeit ließ er sich nicht entmutigen und trat gegen Missstände an. Er wusste – ein Volk braucht mehr als nur Sprüch’! Eines Tages hieß es sogar über den Eisenberger: Den Roten ist er zu schwarz, den Schwarzen zu rot.
Georg Eisenberger fiel in Politiker- und höheren Gesellschaftskreisen nicht nur durch seine Reden, sondern auch durch seinen Trachtenanzug auf, Frack und Zylinder waren nichts für ihn, das war nicht der Hutzenauer. Einmal kam es sogar vor, dass er bei einer Münchner Gesellschaft gerade wegen seiner Tracht dem Bischof auffiel und dieser sich die ganze Zeit mit ihm und seinem eindrucksvollen Gamsbart beschäftigte, während die Frack- und Zylinderträger das Nachsehen hatten. Ja, die richtigen Kleider machen Leute! Obwohl ja der Eisenberger die Tracht nicht trug, um aufzufallen, sondern weil das halt sein Gewand war. Bei den wippenden Federbuschen der vornehmen Gewänder mit Schärpen und blitzenden Orden musste er immer an den Schmuck der Kühe beim Almabtrieb denken. Und er genierte sich auch nicht, als Landtagsabgeordneter im Landtagszimmer seine Brotzeit heraus zu holen und genüsslich zu verzehren.
Als 1914 der 1. Weltkrieg ausgebrochen ist, sagte der Hutzenauer zu sich selbst „Girgl, iatz is dei Platz woanders: Dahoam; der Bürgermeister hat im Krieg in seiner Heimat zu sein.
In Zeiten, wo er allein war und nachdenken konnte, hielt er oft Zwiesprache mit seinem verstorbenen Göd, was mag ihm dabei nicht alles durch den Kopf gegangen sein! Schließlich fand der Hutzenauer auch Eingang in die Literatur, so auch bei Ludwig Thoma im Roman „Andreas Vöst“. Georg Eisenberger war ein vielfach beachteter Mann und Politiker. Als sein ältester Sohn Georg 1921 heiratete, war der Hutzenauer so bekannt, dass bei der Hochzeit neben vielen Gästen aus der Umgebung eine große Zahl prominenter Persönlichkeiten, Reichs- und Landtagsabgeordnete, Minister und Pressevertreter anwesend waren. 1919 wurde er in Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenbürger der Gemeinde Ruhpolding ernannt. Am 1. Mai 1945 verstarb der Hutzenauer im Alter von 82 Jahren und zu seiner Ehre wurde bei der Beerdigung Salut geschossen.
Gustl Lex, der seinen Vortrag mit Dias bereicherte, erhielt vom dankbaren Publikum sehr starken Beifall für die Schilderung des Lebens von Georg Eisenberger. Rudi Mörtl sagte ihm im Namen des Vereins und er Zuhörer ein herzliches Vergelts Gott. Zum Schluss kam noch Alt-Landrat Leonhard Schmucker, der den Hutzenauer noch gekannt hat, mit kurzen Erinnerungen zu Wort, auch sein Vater hatte viel mit dem Hutzenauer zu tun gehabt.
 
Christine Waldherr  04. November 2003  
 

 

 


Erlstätt Urpfarrei des Chiemgaus

 

   
Gespannte Stille herrschte im Saal, als Gustl Lex durch die Bairische Geschichte führte und manchmal lief es den Zuschauern schon „kalt über den Buckel hinunter“, wenn er die Grausamkeiten des 30-jährigen Kriegs allzu anschaulich schilderte. Der Verein „Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau e. V.“ hatte die Veranstaltung angeregt und der Saal im Kulturzentrum Traunstein war voll besetzt. Wie Vereinsvorsitzender Rudi Mörtl sagte, gelte „Geschichte, in der Schule oft als langweilig und trocken. Aber ein jeder, der den Gustl Lex einmal gehört habe, wisse, dass das nicht stimmt. Bei ihm würden aus der Geschichte spannende und humorvolle Geschichten.“
Beginnend mit dem ersten Datum der bairischen Geschichte, dem 15. Juni 64 n. Chr. auf einem römischen Militärdiplom, das in Geiselprechting bei Vachendorf gefunden wurde, bis zu Kurfürst Karl Theodor beleuchtete Gustl Lex in kurzweiligen und spannenden Geschichten die bairische Geschichte.
Dabei war es ihm ein Anliegen, geschichtliche Parallelen zu unserer Heimat, zum Chiemgau aufzuzeigen. So erzählte er von den römischen Siedlern und deren Weinanbau, der Ansiedlung der Bajuwaren und deren germanisch–religiöse Kultstätten in der Region. Weiter spannte er seinen Bogen von der Christianisierung zur Urpfarrei des Chiemgaus – Erlstätt. Ein spannendes Kapitel war Tassilo III. gewidmet, dem berühmtesten der Agilolfinger Herzöge, gewidmet, der neben zahlreichen anderen, auch das Kloster auf der Fraueninsel gründete.
Mit einem geschichtlichen Streiflicht wurde beleuchtet, wie König Otto I. die Chiemgaugrafschaft des Ottokar, den Ort Grabenstätt und den Chiemgau im Jahr 959 an den Bischof von Salzburg verschenkte, wo es politisch bis ins Jahr 1275 blieb.
Nach einem zeitlichen Sprung führte Lex aus, warum nach jahrhundertelangen „fremden Herzögen“, die nicht aus Baiern stammten, die Wittelsbacher mit dem Herzogtum Baiern belehnt wurden. Von der Teilung Baierns in Ober- und Niederbaiern durch Herzog Heinrich VIII. und Herzog Ludwig II. und, dass der Chiemgau niederbairisch (!) wurde, wusste Lex auf sarkastische Art zu berichten.
Neu für viele Zuhörer war, dass die Mark Brandenburg, das Stammland Preußens, einst von Baiern kultiviert, ja 50 Jahre lang bairisch war.
Nach einem größeren zeitlichen Sprung wurde die Situation Anfang des 17. Jahrhunderts erläutert, die schließlich zum 30-jährigen Krieg führte. An Hand des Tagebuches, das die Äbtissin Magdalena Haidenbucher von 1609 bis 1650 auf Frauenchiemsee führte, erkannte der Zuhörer, was für schreckliche Zeiten damals herrschten. Nicht nur der Krieg, auch das Wetter und die Seuchen taten das Ihrige, um die Bevölkerung um 90 Prozent zu dezimieren. Das einzige Glück Baierns, für die damalige Zeit war – führte Lex aus – dass mit Kurfürst Maximilian eine große Persönlichkeit an der Regierung war. Er war es auch, der 1619 die erste Pipeline der Welt, die 31 Kilometer lange Soleleitung, von Reichenhall zur neuen Saline in Traunstein in Auftrag gab. Besonderen Raum nahm in dem geschichtlichen Vortrag der spanische Erbfolgekrieg ein – in dem Zusammenhang kam wieder Lokalkolorit zum tragen, da es sich heuer zum 300. Mal jährt, dass Traunstein von den kaiserlichen Truppen besetzt und, obwohl man 8.000 Gulden Lösegeld zahlte, am 23. August 1704 doch von den Panduren in Schutt und Asche gelegt wurde. Wenig bekannt waren auch die Ereignisse, die zum österreichischen Erbfolgekrieg 1740 – 1745, zu einem bairischen Kaiser Karl VII und dem erneuten Einmarsch der österreichischen Truppen in den Chiemgau führten.
Schon 32 Jahre später, nach dem Tod von Kurfürst Maximilian III. Josef, standen die Österreicher erneut in Baiern, da die bairische Linie der Wittelsbacher ausgestorben war und der erbende Pfälzer Karl Theodor Baiern an Österreich vertauschen wollte. Nur dem „alten Fritz“, dem preußischen König habe man es zu verdanken, dass Baiern selbständig blieb.
Zwei weitere Veranstaltungen in dieser Vortragsreihe „Bairische Kultur des Vereins Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau e. V. in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Traunstein“ folgen in den nächsten Monaten: Am Donnerstag, 18. März, um 19.30 Uhr „Bairische Sprache – mit der bairischen Sprache leben“, Vortrag von Lehrer Hans Baumgartner, Wasserburg und am Donnerstag, 13. Mai, um 19.30 Uhr „Bairische Sprache im Liedgut – Büabei, pass auf!“ Vortrag von Mundartschreiber Bert Lindauer und Musik von den Griesstätter Dirndln.
 
Christine Waldherr Trostberger Tagblatt, 5.März 2004