Andreas Kuhnlein
ein Bildhauer aus Unterwössen – weltbekannt und heimatverbunden
Mit zu den schönsten Wanderwegen am Chiemsee gehört sein Uferweg. Unterhalb Hochstätt bei Schafwaschen erkennt man schon von weitem eine Figur am Wegrand. „Wehrlos“ steht auf der Tafel am Fuß des hohen Gestänges, auf dem die Figur angebracht ist. In der Tat, Wehrlosigkeit spiegelt sich in der Skulptur drastisch wider, in der Art und Weise, in der sie an ihren Armen an ein Querholz gefesselt ist. Die Figur ist aus Holz, die Oberfläche ist rauh, von Riefen durchsetzt, zeigt wenig Einzelheiten. Der Eindruck, den der Künstler vermitteln will, wird ausschließlich durch die Gestalt selbst hervorgerufen. Sein Name steht auf der Tafel: Andreas Kuhnlein. Der Blick auf die in ihrem Schmerz gekrümmte Gestalt weckt Assoziationen zum Schöpfer dieser Skulptur. Was für ein Mensch ist dieser Künstler, der derartig ausdruckstarke Werke schafft?
Heute haben wir den Bildhauer persönlich kennengelernt und einen reichhaltigen Teil seines Werkes sehen dürfen, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht. Es spiegelt viele Facetten des Lebens wider: Leid und Erniedrigung, aber auch Stolz und Macht.
Andreas Kuhnlein lebt mit seiner Familie auf einem wunderbaren Aussiedlerhof am Lindenbichl in Unterwössen. Er ist ein bayrisches Urgestein und strahlt angenehmes Selbstbewußtsein aus. Aufgewachsen ist er in der Landwirtschaft und hat das Schreinerhandwerk erlernt. Beim Bundesgrenzschutz machte er seine Erfahrungen mit menschlichen Schicksalen an der Grenze zur damaligen DDR, sowie bei der Terrorbekämpfung im Land. 1981 kündigte er die sichere Beamtenstelle um die Landwirtschaft daheim zu übernehmen. Im Nebenerwerb arbeitete er wieder als Schreiner, aber es war finanziell eine harte Zeit, in der er dann auch begann als Schnitzer zu arbeiten. Dabei entdeckte er sein Gefühl für Formen und Proportionen und für die künstlerischen Möglichkeiten, die Naturholz als Werkstoff bietet. Das große Problem war, wie er uns sagt, finanziell zu überleben und sich gleichzeitig als Künstler weiter zu entwickeln.
Seit 1990 ist er freischaffender Bildhauer. Sein künstlerisches Handwerkszeug ist fast ausschließlich die Kettensäge. Mit ihr gibt er seinen Skulpturen ihre unnachahmliche Oberflächenprägung. Andreas Kuhnlein arbeitet nur im Freien, am liebsten an kalten Wintertagen. Das weite Gelände um den Bauernhof gibt auch Raum für naturmuseale Plätze her. Er führt uns hinauf in ein nahes Buchenwäldchen, weist dann auf eine kräftige Zwillingsbaumgruppe hin und sagt: „Schaut’s her, des is mei Golgatha“. Zwischen den Stämmen hängt ein übergroßer Corpus, die langen Arme mit den klobigen Händen himmelwärts gerichtet, das Haupt ist auf die Brust gesunken. Die tief eingeschnittene Seitenwunde lässt Schmerz und Qual
Andreas Kuhnlein wirft einen kritischen Blick auf seine Figuren
erahnen. Ein Platz zum Nachdenken und zur Andacht, gelegentlich für Besucher, wohl aber auch für den Meister selbst, wie es scheint.
Nach diesem Rundgang sitzen wir in der gemütlichen Bauernstube bei Kaffee und Zopfgebäck zusammen und wir dürfen Fragen stellen. Die wohltuende Gastfreundschaft des Hauses lässt keinerlei Barrieren aufkommen:
Hattest Du einen Förderer, jemand der Dich unterstützt hat, Dir Mut gemacht hat?
Nein! Ich bin Autodidakt und habe nicht den klassischen Weg des Künstlers über die Akademie gemacht. Natürlich gibt es auf meinem Weg zahlreiche Menschen, deren Unterstützung für mich sehr wichtig war und ist. Ich denke z.B. an die Skulpturentransporte, an die Rahmenprogramme bei Ausstellungen, an den konstruktiven Austausch im Gespräch, auch an die Menschen, die mir Türen zu neuen Projekten geöffnet haben. Das Wichtigste allerdings war die Unterstützung durch meine Frau. Ohne sie wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen. Die ersten zwölf Jahre, nachdem ich mich selbständig gemacht hatte, möchte ich nicht mehr durchmachen.
Du hattest Deine frühen Arbeiten in klassischer Schnitz- bezw. Bildhauertechnik ausgeführt. Wie hat sich der ganz spezifische Stil in Deinen Skulpturen entwickelt, der so typisch durch die Kettensäge geprägt ist?
Irgendwann ist mir klar geworden, dass die Idee, die du in einer bestimmten Skulptur zum Ausdruck bringen willst, nicht von den feinen Details abhängt, sondern durch die großen Linien bestimmt wird. Die Kettensäge zwingt dich, dass du dich auf das Wesentliche beschränkst. Du überträgst immer deine momentane Stimmung unmittelbar in dein Werk. Jeder Schnitt schafft unveränderliche Strukturen. Du spürst den Widerstand, den dir das harte Holz entgegensetzt und musst ihn dauernd überwinden. Das ist auch körperliche Schwerstarbeit.
Du hast mittlerweile mehr als 130 Einzelausstellungen in vielen Ländern durchgeführt, Dich zudem noch an weit über 100 Ausstellungen beteiligt, Du hast in USA eine eigene Wanderausstellung, an der Kunstakademie von Luoyang in China eine Professur. Erinnerst Du Dich noch an Deine erste Ausstellung und wie es Dir dabei ergangen ist?
Aber sicher! Meine erste Ausstellung war 1989. Die Raiffeisenbank in Unterwössen hatte mich eingeladen meine Arbeiten in ihren Räumen zu zeigen. Ich war ganz aufgeregt und, ihr dürft’s es glauben, ich hab mehr geschwitzt als bei der Arbeit. Aber die Ausstellung war ein Riesenerfolg und hat Mut gemacht.
Ist bei all diesen Erfolgen nicht manchmal die Gefahr gegeben die Bodenhaftung zu verlieren?
Nein, überhaupt nicht. Da sorgt auch meine Frau dafür. Im übrigen bin ich dankbar, dass ich als Bildhauer arbeiten kann, aber ich trete nicht als Künstler auf. Da mache ich einen klaren Trennungsstrich zwischen Sein und Schein.
Man sieht es, dass Du im Chiemgau verwurzelt bist. Wie stehst Du zu unserer Sprache?
Andreas Kuhnlein (re) und Sepp Friedrich (li) vor einer Holzplastik
Wir brauchen uns unserer Sprache nicht zu schämen. Es gibt Dinge, die kann ich in der Schriftsprache einfach nicht so ausdrücken wie ich will, wohl aber in unserer bairischen Sprache.
Sprachen verschwinden, im Großraum München ist die Bairische Sprache nahezu verschwunden, vielleicht stirbt sie einmal ganz aus. Wie würdest Du diesen Verlust einordnen?
Zunächst einmal ist klar: Ein gutes Schriftdeutsch ist für jeden von uns eine absolute Notwendigkeit. Aber das muß uns nicht hindern unsere Bairische Sprache, wo immer es angebracht ist,